«Gelassen geht die Nacht an Land»

Katharina Faber

Für den Sänger Roger Monnerat und seine Lieder

Was wir immerzu vergessen, während wir ja weiterlieben und weiterstreiten und uns anstrengen und arbeiten und leben, ist die Nacht. Gelassen geht die Nacht an Land.

Wir vergessen sie, und alles, was sie für uns bereithält, so lange, bis irgendwann ein Lied kommt und uns anhält.

Wenn Monnerat seine Anlage in Stellung bringt und das Mikrofon anschließt und die Verbindungen kontrolliert und die technische Nüchternheit der digitalen elektro-akustischen Modalität einen immer und überall gleichen Ablauf suggeriert, nämlich die Inbetriebnahme eines Geräts, dann implodiert dieses Bild, sobald er zu singen beginnt, bei den ersten Worten, die sich in die scheuen queren Klänge mischen. Dann bauen sich in mir die alten Totempfähle auf, in deren Schatten ich lebe, weiterlebe, Beschwörungen, die alle Technik, alles Bühnenhafte, alles Modale mühelos verdrängen, die Totems der Liebe, die Totems der Bars und Cafés, der eigenen Wege, die in die Fremde führten...

Und Monnerat, der das Mikrofon hält, wie man ein Mikrofon eben hält und dabei ab und zu an den Knöpfen dreht, bedient keine Sentimentalitäten, die ich ja jederzeit begeistert zuließe, die ich begrüßen würde, so wie ich sie auf nächtlicher Fahrt immer begrüßt habe, Musik zum Aufjaulen, Musik, in die sich meine Stimme mischt und andere Stimmen, blankes Gefühlsparkett, bauschige Nebelkammern aus den Untiefen des Gemüts — nichts davon bei Monnerat, keine Streicher, keine Tutti, keine blinkenden Pianoläufe, kaum Bläser.

Er will uns nicht verschwimmen lassen.
Er lässt uns nicht verschwimmen.
Die Konturen der Welt, die er besingt, stehen scharf und deutlich im weißen Licht der Worte.
Gelassen geht die Nacht an Land — eine hell erleuchtete, eine sehr bevölkerte, eine freundliche Nacht.

Seine Lieder sind wenig nostalgisch, sie vertreiben die Nebel, sie treiben alles in ein Hier und Jetzt. Genau jetzt errötet einer, wenn ein Mädchen ihn fragt, ob sie ihm auch gefalle — ja, so ist es, er wird tatsächlich rot — kaum zu glauben, aber vor genau dieser Scheu muss man sich hüten. Und jetzt pisst ein Hund an einen Kehrichtsack, und jetzt, in diesem Augenblick, weiß eine Frau, dass sie sich vorsehen muss, und dass der Mann, den sie liebt, sie dereinst verlassen wird, und sie holt sich bei ihm jede Nacht das Salz für ihre Tränen, und das flüstert sie ihm ins Ohr, wenn sie sich lieben. Die Geschichten in Monnerats Liedern kommen von allen Seiten als Gegenwart auf mich zu, treten aus den Schatten meiner alten Totempfähle, und ich stehe wieder in jener Bar vor dem Spiegel und trete in den allerletzten Wettstreit, der die verlorene Liebe endgültig besiegelt, die Frage nämlich, wer den andern wohl schmerzlicher vermisse, sie ihn oder er sie, und wenn dann der eine auch sagt, er sei vielleicht ein Mistkerl, dann bleibt sie für ihn doch ein fieses Stück und also besiegelt. Alle Türen verschlossen, alle Fenster mit Brettern vernagelt, es wird nach dem Wunder der kurzen Liebe kein weiteres Wunder geschehen, und man hat es am Ende auch so gewollt, man war dem Wunder nicht gewachsen und hat es sich gemeinsam ausgetrieben, der Mistkerl und das fiese Stück, die Zeiger unserer Uhren gehen rückwärts, aber die Zeit folgt ihnen nicht, die Zeit geht ihre eigenen Wege.
Wir sagen, die Zeit schreite voran.
Wir wissen, dass wir uns darin täuschen.

Ich habe Newton schon nicht recht verstanden, ich werde Einstein nie wirklich verstehen, die Zeit, so heißt es bei ihm, sei nicht für alle Tempos gleich, die Schnellen altern langsamer, das habe ich mir gemerkt.

Alles kippt, die Regeln sind außer Kraft. Und so weiß der Einsame im Lied, dass er nicht einsam ist, in der Einsamkeit der andern, unter so viel Leben in den Häusern um ihn herum, im Geschrei der Nachbarskinder, beim letzten Bier mit dem müden Barmann. Monnerat singt: Eine alte Welt verschwindet und eine neue erscheint, und so wie die Väter träumten, träumen die Söhne fort, weg aus der Welt der Felder und Fabriken und weg von den Laufbändern und den Bildschirmen in die großen Abenteuer, von denen die Väter ihren Söhnen einst erzählten und von denen sie weiter erzählen werden, und von der Sehnsucht derer, die zurückbleiben, ohne Schiff, ohne Reling, ohne Sterne. Das ist der mir bekannte Orbit der alternden Mütter, die, auch wenn sie selber rastlos durch alle Galaxien reisen, immer wieder mal in jene Kehre treiben, da ihre Kinder noch Kinder waren und die Väter an ihrer Seite.

Je länger sie in dieser Kehre verweilen, desto schneller altern sie. Auch wenn der Sänger Monnerat für einen Augenblick nicht herausfindet aus einem unwiderruflichen Adieu, dem Abschied von einer Frau, einem Kind, einem Haus, kommt ihm der helllichte Tag entgegen und trotzt ihm einen Gruß ab, den Blick auf eine Elster im Baum, auf eine kleine Straße, eine Gegenwart.

Und, was wir auch immer wieder vergessen:
Die Zikaden verstummen höflich, wenn ein Paar sich lauthals liebt, sie horchen, wer da nach ihnen ruft — was aber hat uns alle glauben lassen, der Gesang der Zikaden habe uns durch diese oder jene besondere Nacht begleitet, ich bitte alle Zikaden zurück an ihre Plätze: Ist das wahr?
Meine Totempfähle räuspern sich.
Monnerat singt. Dreht an den Knöpfen. Geht einen Fluss entlang, wo immer ein Haus zwischen Birken steht, schreitet einen Verlust ab, passiert einen schmalen Grat und schaut in die Tiefe des Abgrunds, in eine Zeit des Aufruhrs, als die Wege sich trennten und die Beschwörung jener Jahre, die heute in den Feuilletons zu Tode erklärt werden, endet in den Hallen der Anatomie, wo ein Schmerz vom Phantom des Schmerzes unerbittlich geschieden wird — Monnerats feinste Lanzette, sie deutet den Schnitt nur an, fällt als langer Schatten über alte Wunden.

In einem nächsten Lied riecht es nach Diesel und nach Regen, in einem andern Lied umstellt die Nacht das Haus und immer wieder hebt jemand im Publikum den Kopf und dreht sich zu Monnerat:
Das warst du.
Das bist du.

Dieser Sänger bist du geworden, Abenteurer, Anatom, Kartograf, befreundet mit dem Blues, den du zärtlich verspottest, und der Blues ist ein maßloser und aufdringlicher Gast, einer von den Typen, die sich ohne Unterlass spiegeln wollen in einem andern, die sich niederlassen wollen, erst im Leben und dann in der Erinnerung, ein Gast, der alles wegsäuft, was im Hause ist, und dann am Fenster steht und schweigt und bleibt. Maßlos und unentbehrlich, damit wir wissen, was Intensität in unseren kleinen Leben anrichten kann, rare glühende Erscheinungen, wie jene namenlosen Frauen, die Zimmer rotieren lassen und Lieder diktieren aus dem Reich ihrer großen Nähe und ihrer weiten Entfernung. Frauen, denen das Herz immer wieder mal einen Schlag lang leer schlägt, wenn sie begreifen, was auf sie wartet, ein Abschied, eine Grausamkeit, eine Abwendung, ein anderer Mann, ein neues Leben — und wenn Monnerat sie singt, treten sie uns entgegen, in der Tagesschau, flimmern aus dem TV, ein müder Minister und ein Paar, er ein alter Freund, ein Anarchist, und sie war einst seine Frau, die Frau des Sängers, der vor dem Bildschirm sitzt und auf sein Leben schaut — und diese drei finden an einem sonderbaren Tag zusammen, als Bilder im Fernsehen, als Zeugen einer Zeit, die nicht endet, weil der Blues sie weiterträgt, ins Alter, das unverdrossen scharfe Schnäpse schlürft, und immer wieder: ein allerletztes Glas.

Was ist geblieben, fragt der Sänger und lehnt sich für einen kurzen Augenblick an Marlene Dietrichs Lied, geschrieben zwischen den Kriegen, und wo sind sie jetzt, die Männer, die Frauen, die Kinder — der Aufbruch, die Reise, der helllichte Tag — und was bleibt mir?

Hier eine Antwort aus dem Publikum:

Eine Nacht, die alle versammelt.

Mit ihren wilden Schwestern.
Mit den Liedern und dem Verlangen.
Mit allem, was wir am Tag vergessen.
Mit allem, was geschrieben steht.
Mit allem, was du singst.

Von Katharina Faber erschien zuletzt:
Fremde Signale, bilgerverlag, Zürich 2008

 

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