«Die doppelt verschlüsselte Botschaft des Lebens»

Peter Weber
 
Soll ein Schriftsteller, der Lieder schreibt (und mancher schreibt heimlich Lieder und sehnt sich nach einem unmittelbareren Leben als Sänger) — soll ein Schriftsteller seine Liedgeheimnisse je an die Öffentlichkeit bringen? Oder soll er sie für sich behalten, auf die Liedtextmagie der Sublimation vertrauend, das verschluckte Lied übertrage sich auf die Satzmelodie seiner Prosa, sei heimlicher Quell seiner Erzählung? Meister Monnerat stand sich selber im Wort, denn er hatte seine 57 Lieder in seinem letzten Roman angekündigt. Und er gibt sie erst heraus, nachdem die Roman-Triloge erschienen ist. Postscriptal also.

Jahrzehnte liegen zwischen seinen ersten «Montagen», die urheberrechtlich nicht durchzubringen waren, und der vorliegenden CD. So ist ein erstaunlicher Speicher entstanden. Haut und Haar haben sich in der Doppelhelix von Text und Musik eingelagert, Merksätze, Mondmehl, Melancholie. Ein halbes Jahrhundert hat er eingefangen: Die Zeit mit ihren Stacheln und Zähnen.

Meister Monnerats Liedabenteuer beginnt als Vierspurenband-Projekt in den achtziger Jahren, als Küchenmusik, analog. Die Texte nisten in musikalischen Collagen, Tribut an die natürliche Psychedelik der sechziger und siebziger Jahre. Er verwirft diese Musik aus unterschiedlichen Gründen, erhält nur die Texte, schickt sie durch Tauchbäder der Früh Digitalisierung. Er legt sich das Programm «Encore» zu und schleudert kleine Blitze. Er produziert Aminosäuren und andere Bausteine, setzt Ton um Ton, Pointillist, es entstehen simple Gebilde von eigenem Witz. Die Musik gerüstet die Stimme ein. Welt entsteht. Darin setzt er Menschen aus.

Meister Monnerat ist ein kindlicher Bildschirmbändiger. Liedvoran stürzt er sich ins Tonverarbeitungsprogramm, das zu rechnerischer, unerzählerischer Musik verleiten könnte. Elektronische Musik ist weltumspannende Textnichterin — er packt sie bei den Antennen und zwingt sie ins Lied. Man hört auf der CD Folgen dieser Auseinandersetzung, immer wieder werden einzelne Strophen von Tanznachtmusik belagert, von Pochen und Fiepen. Erstaunliche Paarungen entstehen: Text und Musik sind spannungsreich getrennt, verlaufen in unterschiedlichen Strängen, um sich wieder aneinanderzuschmiegen. 

Ein Chansonier reitet auf seinem hundertjährigen Pferd in den Mediamarkt. Zwischen den Gestellen mit den Spielkonsolen, in den Labyrinthen der digitalen Welt verliert er sich nicht, denn er benutzt die List der Erzählung, des Verknüpfens, besinnt sich auf sich selber, baut sich eigene Treppensysteme, Wendeltreppen, schmilzt Öffnungen auf und springt ins Freie.

Im neuen Jahrtausend lernt er einen Studiomann kennen, der die musikalische Elektronik der neunziger Jahre miterlebt hat. «Ich hatte ihm erzählt, ich würde Lieder schreiben und sänge sie», diesen Satz im melodischen Konjunktiv schreibt er in der Vorrede. Meister Monnerat übersteht den Unmittelbarkeitsschreck, den jeder Schreiber erlebt, wenn er sich ins Aufnamestudio begibt. Als Amateur — also Liebhaber — plötzlich vor dem großen professionellen Mikrofon und somit an der Schwelle zur Veröffentlichung. Nun gelten Gesetze der Präsenz — während ein Schreiber seine Romanprojekte über Jahre in der Schwebe zu halten und in erhöhter Mittelbarkeit zu leben lernt, muss der Sänger nun plötzlich alles in die Stimme legen. Durchs Herzklopfen hindurch hört er die ersten Töne seiner Stimme. Den Kopfhörer auf dem Kopf singt er seine Texte ein. Ein weiterer Geburtsvorgang.

Als er loslegte, waren die Rechner zimmerfüllend groß, nun sind sie so klein, dass sie in die Ohren gepflanzt werden können. Meister Monnerat hält an seinen 57 Liedern fest, gibt sie speckfrei am Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts heraus. Sie sind Auftakt und Abgesang zugleich. Das Lied sei nach dem Krieg in der deutschen Sprache vielleicht gar nie mehr richtig aufgetaucht, wie er schreibt. Seine Lieder erzählen vom Drama der Verwandlung der Merksätze und Parolen in Impulse. Den Nerven entlang kehrt die Hoffnung zurück.

«Hoffnung war im letzten Jahrhundert vernünftig
verzweifelt war sie nach den großen Kriegen
Die Besten sagten:
Sozialismus oder Barbarei
Nun tastet sich die Hoffnung
den Nerven entlang zurück
in die doppelt verschlüsselte
Botschaft des Lebens
in die doppelt verschlüsselte
Botschaft des Lebens»

Ein Singvogel baut sich Vogelgitter und fliegt damit weiter. Die Lieder haben Monnerats Prosa angetrieben, solange sie unveröffentlicht waren. Nun, an der Öffentlichkeit, werden sie sie ziehen.
 
Von Peter Weber erschien zuletzt:
Die melodielosen Jahre, Suhrkamp, Frankfurt 2007
 
 

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